Tiefziehen und Stanzen haben ihre eigene Sprache — und ein erheblicher Teil der Missverständnisse zwischen Konstruktion und Fertigung entsteht an einem Begriff, den beide Seiten unterschiedlich verstehen. Dieses Glossar erklärt die wichtigsten Fachbegriffe so, wie sie in Angeboten, Zeichnungen und Prüfplänen tatsächlich verwendet werden. Es ist als Nachschlagewerk gedacht, nicht als Lehrbuch: knapp, praxisnah und auf die Terminologie ausgerichtet, die in deutschsprachigen technischen Unterlagen üblich ist.
Auf einen Blick
✓Umfang — 40 Begriffe aus Tiefziehen, Stanzen, Werkzeugbau und Qualität
✓Ausrichtung — Begriffe, wie sie in Angebot, Zeichnung und Prüfplan verwendet werden
✓Normbezug — wo es eine Norm gibt, ist sie genannt
✓Vertiefend — verlinkt auf die zugehörigen Leitfäden im Werk
A – F
| Begriff |
Bedeutung |
| Anisotropie |
Richtungsabhängigkeit der Werkstoffeigenschaften. Im gewalzten Blech ist die Umformbarkeit längs zur Walzrichtung anders als quer dazu — deshalb entstehen bei zylindrischen Ziehteilen Zipfel (Ohren) am Rand. |
| Austenitisch |
Gefügezustand von Edelstahl (z. B. 1.4301, 1.4404), der praktisch unmagnetisch ist. Wichtig bei Gehäusen, die Magnetfelder abschirmen sollen. |
| Ausnutzungsgrad |
Verhältnis von Bauteilfläche zu Zuschnittfläche. Ein niedriger Ausnutzungsgrad bedeutet viel Verschnitt — und damit Materialkosten, die im Stückpreis landen. Durch verschachteltes Auslegen des Bandes lässt er sich verbessern. |
| Blechdicke |
Dicke des Ausgangsmaterials. Sie ist keine Konstante, sondern hat eine eigene Toleranz — und diese Toleranz überträgt sich direkt in das Ziehteil. |
| Bodenradius |
Radius am Übergang vom Ziehboden zur Wand. Zu klein gewählt führt er zu Bodenriss; als Richtwert gilt das Ein- bis Dreifache der Blechdicke. |
| Bördel |
Umlaufend umgelegter Rand. Er versteift das Bauteil, schafft eine Anlagefläche und schützt vor scharfen Kanten. Häufig genutzt, um an dünner Wand ein Gewinde tragfähig zu machen. |
| Durchbruch |
Ausgeschnittene Öffnung im Bauteil. Ob er im Ziehwerkzeug oder erst nach dem Ziehen geschnitten wird, entscheidet über seine Lagetoleranz. |
| Entgraten |
Entfernen des Grats an Schnittkanten. Bei fluidführenden Bauteilen keine Kosmetik, sondern Funktionsvoraussetzung. |
| EMPB |
Erstmusterprüfbericht. Dokumentiert am ersten seriennah gefertigten Teil die Messwerte aller vereinbarten Merkmale, ergänzt um Werkstoffzeugnis und auf Wunsch Prozessfähigkeitsangaben. |
| Ferritisch |
Gefügezustand von Edelstahl (z. B. 1.4016), der magnetisch ist. Wird gewählt, wenn ein Magnetfeld durch das Gehäuse geführt werden soll. |
| Folgeverbundwerkzeug |
Werkzeug, in dem mehrere Arbeitsgänge (Stanzen, Ziehen, Beschneiden) in einer Presse nacheinander ausgeführt werden, während das Band weiterläuft. Wirtschaftlich ab hohen Stückzahlen. |
| Form- und Lagetoleranzen |
Toleranzen für Abweichungen von der idealen Form (z. B. Rundheit) und Lage (z. B. Koaxialität). Sie brauchen immer einen Bezug, um prüfbar zu sein. |
| Freistellung |
Freigehaltener Bereich an einer Kante oder Fläche, damit ein Werkzeug oder ein Nachbarbauteil nicht anläuft. In der Zeichnung oft als Freistich oder als Toleranzangabe ausgewiesen. |
G – L
| Begriff |
Bedeutung |
| Glühen |
Wärmebehandlung zur Veränderung des Gefüges. Beim Tiefziehen wird zwischen zwei Ziehstufen geglüht, um die Kaltverfestigung abzubauen und die Umformbarkeit wiederherzustellen. |
| Grat |
Materialüberstand an der Schnittkante, der beim Stanzen oder Beschneiden entsteht. Grat entsteht, wenn der Schneidspalt zu groß ist oder das Werkzeug verschleißt — er ist damit ein Verschleißindikator. |
| Grenzziehverhältnis |
Das größte Ziehverhältnis, das ein Werkstoff in einer Ziehstufe ohne Rissbildung zulässt. Wird es überschritten, muss das Teil in mehreren Stufen gezogen werden. Die Werte je Werkstoff finden sich im Leitfaden zum Ziehverhältnis. |
| Kalottenboden |
Leicht gewölbter Boden. Er ist fertigungstechnisch günstiger als ein ebener Boden, weil er der Wölbung nach dem Ziehen entgegenwirkt und Steifigkeit bringt. |
| Kaltverfestigung |
Anstieg von Festigkeit und Härte durch Umformung. Sie ist beim Ziehen erwünscht (das Teil wird stabil) und hinderlich (die Umformbarkeit nimmt ab) — beides gleichzeitig. |
| Kragen |
Umgebördelter oder aufgeweiteter Rand am offenen Ende eines Ziehteils. Er schafft eine Dicht- oder Anschlussfläche. |
| Lehre |
Prüfmittel ohne Maßanzeige, das lediglich Gut oder Schlecht unterscheidet. Für die schnelle Serienkontrolle oft wirksamer als eine Messung, weil sie eine Entscheidung erzwingt. |
M – R
| Begriff |
Bedeutung |
| Maßhaltigkeit |
Übereinstimmung der gefertigten Maße mit den vorgegebenen Nennmaßen und Toleranzen. Ein Teil kann maßhaltig und trotzdem funktionsuntüchtig sein, wenn Form- oder Oberflächenfehler vorliegen. |
| Niederhalter |
Bauteil im Ziehwerkzeug, das den Zuschnitt mit definierter Kraft gegen den Ziehring drückt. Er verhindert Faltenbildung am Kragen — die Höhe seiner Kraft ist einer der wichtigsten Prozessparameter. |
| Reckziehen |
Umformverfahren, bei dem ein festgehaltener Zuschnitt über einen Stempel gestreckt wird, statt in eine Matrize einzulaufen. Wird für flache, stark gewölbte Teile eingesetzt. |
| Rückfederung |
Elastischer Rückgang des Materials nach dem Ausformen. Sie lässt sich nicht abschalten, nur über Werkzeuggeometrie und Prozessführung ausgleichen — deshalb muss ein Werkzeug korrigierbar sein. |
| Rundlauf |
Abweichung der Mantelfläche von der idealen Kreisform um die Bauteilachse. Für Motorgehäuse und Sensorhüllen oft das wichtigste Maß — und eines, das sinnvoll nur auf einer definierten Messlänge angegeben wird. |
S – Z
| Begriff |
Bedeutung |
| Schneidspalt |
Spalt zwischen Stempel und Matrize beim Stanzen. Er ist material- und dickenabhängig; ein zu großer Spalt erzeugt Grat, ein zu kleiner erhöht Werkzeugverschleiß und Sprengrisiko. |
| Spannungsarmglühen |
Wärmebehandlung zum Abbau innerer Spannungen. Wird vor der spanenden Endbearbeitung eingesetzt, damit sich das Teil beim Drehen oder Fräsen nicht verzieht. |
| Stempel |
Das formgebende Werkzeugelement, das in das Material eindringt und den Napf ausformt (beim Ziehen) oder das Loch erzeugt (beim Stanzen). |
| Streckgrenze |
Spannung, ab der ein Werkstoff bleibend verformt wird. Beim Ziehen ist sie die entscheidende Kenngröße: Je höher sie, desto mehr Kraft ist nötig und desto geringer die Ziehreserve. |
| Tiefziehen |
Umformverfahren, bei dem aus einem flachen Zuschnitt ein nahtloser Hohlkörper entsteht. Verfahrenseinordnung nach DIN 8580 (Zug-Druck-Umformen). Details im Leitfaden zum Tiefziehprozess. |
| Transferwerkzeug |
Werkzeug, in dem das Bauteil von Station zu Station weitergegeben wird. Es eignet sich für große Teile, die nicht am Band geführt werden können. |
| Umformgrad |
Maß für die Intensität der Umformung an einem Punkt des Bauteils. Anders als das Ziehverhältnis beschreibt er nicht das Bauteil als Ganzes, sondern die lokale Belastung — und zeigt damit, wo ein Riss entstehen wird. |
| Wandstärke |
Dicke der Bauteilwand. Beim Tiefziehen nicht konstant: Am Boden dünner, am Kragen dicker. Eine Forderung nach konstanter Wandstärke ist technisch nicht erfüllbar. |
| Werkstoffzeugnis 3.1 |
Bescheinigung nach EN 10204, mit der der Lieferant die Übereinstimmung des Werkstoffs mit der Bestellung bestätigt und die Charge bis zum Stahlwerk zurückverfolgbar macht. |
| Ziehkissen |
Vorrichtung unter dem Pressentisch, die den Niederhalterdruck bereitstellt. Bei Hydraulikpressen ist der Druck stufenlos regelbar, was die Prozessabstimmung erleichtert. |
| Ziehring |
Die Matrize des Ziehwerkzeugs, durch die das Material einläuft. Ihr Kantenradius ist einer der wirksamsten Hebel für die Prozesssicherheit. |
| Ziehstufe |
Ein einzelner Ziehvorgang. Ein Teil kann in einer oder mehreren Stufen gezogen werden; die Stufenzahl folgt aus dem Ziehverhältnis und bestimmt die Werkzeugart. |
| Ziehverhältnis |
Verhältnis von Zuschnittdurchmesser zu Durchmesser nach der Ziehstufe (β = D0 ÷ d1). Die zentrale Kennzahl für die Auslegung. Berechnung und Grenzwerte im Leitfaden zum Ziehverhältnis. |
| Zuschnitt |
Das flache Ausgangsteil (Ronde oder Streifen), aus dem gezogen oder gestanzt wird. Sein Durchmesser wird über die Flächengleichheit zum Fertigteil ermittelt, zuzüglich eines Zuschnittzuschlags für die Randbeschneidung. |
| Zuschnittzuschlag |
Zugabe auf den rechnerischen Zuschnittdurchmesser. Sie deckt die ungleichmäßige Randausbildung nach dem Ziehen ab, die anschließend beschnitten wird. |
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